Das Aufwärmen der Stimme

Das Aufwärmen der Stimme | Gilles Denizot
Übersetzung ins Deutsche von Ines Kluwe-Thanel
Was bedeutet die Stimme aufwärmen? Wie kann man ohne den Lehrer die Stimme aufwärmen? Muss man immer in der gleichen Art und Weise vorgehen ? Wie weiss man, dass die Stimme für die technische Arbeit, das Repertoirestudium, eine Probe oder eine Aufführung bereit ist ? Wie kann ich mich aufwärmen, wenn ich in schlechter Form bin.
Während eines Intensivkurses hatte ich Gelegenheit, einen Vormittag der Reflektion und der Arbeit dem Thema des Aufwärmens der Stimme zu widmen. Die Kursteilnehmer hatten ein fortgeschrittenes oder professionelles Niveau. Die Stimmfächer waren wie folgt verteilt: 3 Soprane – leicht, lyrisch und spinto und 3 Tenöre, ebenfalls leicht, lyrisch und spinto. Es ist interessant zu bemerken, dass diese 3 Tenöre, fälschlicherweise, von ihren vorhergehenden Lehrern als Bariton ausgebildet worden waren.
Der Einzelunterricht, den ich gab, fand morgens, von 9 Uhr an, statt. Aus diesem Grund war es unverzichtbar, effiziente Lösungen anzubieten, damit die Sänger rasch ihre gesamten stimmlichen Möglichkeiten zur Verfügung hatten. Parallel zu den Kursen in Stimmtechnik fanden Arbeitssitzungen mit einem Pianist statt, weiterhin Interpretationskurse am Nachmittag und nach dem Abendessen wurde spontan musiziert. Das Programm war voll gefüllt und die Tage wurden gut genutzt. Eine schlecht aufgewärmte oder vorbereitete Stimme hätte dies nicht lange ausgehalten.
Selbstverständlich ist es sehr angenehm, auf das Ohr und die Erfahrung seines Gesangslehrers zählen zu können, wenn man sich einsingt und sich führen lässt. Nichtsdestotrotz, ein Sänger muss seine Stimme selbst aufwärmen können. Häufig kommt es vor, dass er dazu gar nicht fähig ist und sich nicht korrekt für die Arbeit vorbereiten kann, besonders wenn er noch nicht sehr fortgeschritten ist oder in einer Stress-Situation wie einem Vorsingen oder auch bei gesundheitlichen Einschränkungen. Wie also sollte man in effizienter Form das individuelle Aufwärmen der Stimme angehen und ausarbeiten.
Vorausgehendes körperliches Aufwärmen
Sei es während eines Intensivkurses oder anlässlich von Workshops zum “Aufwärmen der Stimme” in verschiedenen OperaLab Studios, betont die Mehrzahl der Sänger die Notwendigkeit eines vorhergehenden körperlichen Aufwärmens. In der Tat muss der erste Schritt eines “Einsingens” physisch und körperlich sein. Es kann verschiedene Formen annehmen und dient dazu, den Körper aufzuwecken, eine Wohlfühlsituation entstehen zu lassen und sich auf die vokale Arbeit einzustellen. Mancher wählt Körper- oder Dehnübungen, ein anderer macht einen Waldlauf, während mancher ein heisses Bad oder eine frische Dusche bevorzugt. Welche Methode auch immer gewählt wird, es ist immer sinnvoll, vor der Stimme den Körper zu wecken, besonders am Beginn des Tages. Wir erinnern uns an Régine Crespin, die vormittags den Ring in New York aufnahm und am frühen Morgen im Central Park gelaufen war, um sich aufzuwecken.
Übungsvorschlag
Ein geschmeidiger und beweglicher Unterkörper ist ein wichtiger Bereich für einen Sänger. Der Lendenbereich kann ganz einfach durch Drehbewegungen trainiert werden. Man kann auch Geräusche mit diesen Bewegungen verbinden und man zieht aus diesen Lockerungsübungen, verbunden mit einer freien und improvisierten Tonproduktion, vielerlei Nutzen.
Der Atem
Im Verlauf von Kursen zum Nachdenken und Arbeiten am “Aufwärmen der Stimme“, weise ich häufig auf den positiven Effekt des Gehens mit bewusstem Atmen hin, das einen doppelten Vorteil hat: Es weckt den Körper und schliesst den für den Sänger so wichtigen Atem mit ein. Manche Sänger haben bereits Atemübungen in ihre körperliche Vorbereitung integriert, andere noch nicht. Dies ist der Moment der “Kontaktaufnahme” mit dem Atem und seiner Führung. Wählen Sie die Atemübungen, die Sie mit Ihrem Lehrer machen. Er sollte mit Ihnen mindestens eine erarbeitet haben. Wenn Sie üben und die Atemfunktion trainieren, ist es nicht sinnvoll, den Körper zum Öffnen zu zwingen um die Dehnung des Brustkorbes zu erhalten.
Da gesundes Singen die Angelegenheit eines Gleichgewichtes zwischen Antagonismen ist, konnte man bemerken, dass “die übertriebene Öffnung der Rippen, die mit einer zu starken Spannung der die Wirbelsäule umgebenden Muskulatur einhergeht, die Bewegungen der Bauchdecke behindert” (aus “Les troubles de la voix et leur rééducation” von Claire Dinville).
Beobachten Sie vielmehr, wie Ihr Körper sich dank dieser Arbeit lockert und mit welcher Bereitschaft er der Einatmung und Ausatmung folgt. Montserrat Caballe erklärt, sich “jeden Morgen während einer Viertelstunde ausschliesslich Atemübungen zu unterziehen, die sie ihre vokale Gymnastik nennt” und die ihr ermöglicht, während 2 Minuten auszuatmen. Sie unterstreicht auch, dass das Zwerchfell “fallen und nicht gedrückt werden soll. Wenn die ganze Kraft nicht zum stossen/drücken sondern zum zurückhalten verwendet wird, scheint das, was wir loslassen, davon zu fliegen“.
Es ist also nicht zu empfehlen, eine bequeme Beweglichkeit in dieser Arbeit am Körper und Atem zu überschreiten. Aber ich kann nicht genug die Notwendigkeit betonen, täglich Ihren Atem zu trainieren. Es ist vollkommen unnütz, sich vorzustellen, Sie könnten Ihren Ton verbessern, wenn Sie nicht auf die Effizienz Ihres Atems zählen können. Und dennoch sind es viele Sänger die nie oder schlecht an diesem so essentiellen Bereich ihres Instrumentes arbeiten!
Erste Übung zum Aufwärmen der Stimme
Ihr Körper ist bereit. Ihre Atmung haben Sie trainiert. Jetzt ist es Zeit für ein richtiges Aufwärmen der Stimme. Manche Sänger haben schon Töne während des körperlichen Aufwärmens produziert, manchmal mit geschlossenem Mund. Aber jetzt gehen wir zum tatsächlichen Aufwärmen der Stimme über, und müssen natürlich mit einer Übung beginnen. Und genau hier verirren sich viele Sänger, da sie nicht spontan auf die drei folgenden Fragen antworten können:
- welches ist die für Sie optimale erste Stimmübung?
- welches ist die für Sie erste Gefahr oder Falle, die es zu erkennen und zu vermeiden gilt?
- welche vokale Qualität suchen Sie?
Diese drei Fragen müssen Sie sich stellen – vielleicht auch in anderer Reihenfolge, da sie sich ergänzen – und darauf antworten. Es gibt hier keine festgelegten richtigen oder falschen Antworten – Sie müssen für sich die Schlüssel Ihres Aufwärmens finden. Wenn Sie die erste stimmliche Gefahr entdecken, wählen Sie vielleicht Ihre ideale Übung, so wie es Ihnen Ihr Lehrer gezeigt hat. Indem Sie diese Übung und die darauf folgenden korrekt ausüben, vermeiden Sie, in Ihren üblichen Fehler zu verfallen. So erreichen Sie schneller die von Ihnen angestrebte ideale Vokalqualität.
Vorschläge
Auch hier ist jeder Mensch anders und es ist undenkbar, für jeden die gleiche Übung zu Beginn zu verwenden. Dennoch beobachtet man in den OperaLab Kursen zum Thema Aufwärmen, dass die Bedürfnisse der Sänger sich abhängig vom Stimmfach ähneln. In der Tat beobachtet man geradezu systematisch, dass Sänger mit eher leichter Stimme versuchen, die Stimme mit dem Körper zu verbinden und nicht zu leicht zu singen. Jene, deren Stimme schwerer oder dramatischer ist, versuchen vor allem nicht zu forcieren und Bequemlichkeit im Pharynx zu erlangen.
Der Cuperto in der Version über eine Oktave (für Sängerinnen), und besonders über 2 Oktaven (für Sänger), ist – sofern er korrekt durchgeführt wird – die ideale Übung, wenn Sie wenig Zeit für das Aufwärmen haben. Er verbindet eine körperlich kräftigende und geschmeidige Haltung, Atemkontrolle, die Arbeit des Schlundes, da man den Vokal “u” verwendet. Dieser Vokal ist unabdingbar für das Decken des Klangs, und letztlich verantwortlich dafür, den Stimmlippenschluss auf der feinen Seite mit Geschmeidigkeit zu erreichen und nicht mit Kraft.
Weitergehendes Aufwärmen
Eine weitere wichtige Frage stellt sich nun: wie viel Zeit und wie viele Übungen sind für ein optimales Aufwärmen notwendig. In der Praxis beobachtet man, dass je erfahrener der Sänger ist, desto weniger empfindet er die Notwendigkeit, verschiedene Übungen zu machen und viel Zeit für das Aufwärmen aufzuwenden. Alle Sänger, die eine gesunde und tägliche vokale Aktivität haben sagen es: die Stimme steht meist sehr rasch zur Verfügung, als wäre sie immer aufgewärmt. Und auch der Umkehrschluss gilt: Anfänger oder Sänger mit technischen Defiziten empfinden die Notwendigkeit, die Stimme lange aufzuwärmen, über die gesamte Tessitur, unter Verwendung einer Vielzahl von Übungen. Diese Sänger ermüden die Stimme, bevor sie überhaupt zur eigentlichen Arbeit übergehen. Dieses Überangebot an Übungen und an Dauer der Vorbereitung zeigt aber auch eine Unsicherheit an.
In Wirklichkeit genügen fünf sich ergänzende Übungen während ungefähr 10 Minuten um die Stimme für eine Arbeit an ihr vorzubereiten. Es versteht sich von selbst, dass wir hier von einem Aufwärmen unter im allgemeinen positiven Bedingungen sprechen. Wir werden uns später mit dem Aufwärmen unter negativen Bedingungen befassen.
Vorschläge für Übungen
Neben dem Cuperto in der Version über eine Oktave für Sängerinnen und 2 Oktaven für die Sänger, kann man ebenfalls empfehlen (diese Liste ist nicht vollständig):
- kurze und zentrale Übungen mit den 5 italienischen Vokalen und dem Halb-Vokal “j” wie in “ja”, welcher nicht nur den Kiefer durch eine simple Kaubewegung nach unten und hinten entspannt, sondern auch den Vorteil hat, die Vokale miteinander ohne Verlust von Luft zu verbinden.
- langsame Übungen auf einzelne und ausgehaltene Töne, besonders auf “a”, im mittleren Bereich für Anfänger, und aus der Tiefe in die Höhe für die Fortgeschrittenen. Dieser Vokal ist der schwierigste von allen, er verlangt das Gleichgewicht der vokalen Antagonismen. Es ist nicht ohne Grund, dass die grossen italienischen Meister diesen Vokal bevorzugt für die vokale Ausbildung ihrer Schüler einsetzten.
- schnelle Stakkato-Übungen, ideal für Sänger die drücken und ihre Stimme schwerer machen.
- die Konsonanten “g” (wie in “ganz”) und “k” (wie in “kalt”), die die Bewegungen der Zunge steuern (und die Unbeweglichkeit des Kiefers) und das Velum (oder den weichen Gaumen), ein muskulär passives Organ, mit einbeziehen. Das Velum ist, erinnern wir uns (siehe hier “Die Mundhöhle im Gesang”), die obere Seite dieses Würfels, der sich verändern kann um die verschiedenen Vokale und Konsonanten, die beim Singen benutzt werden, herzustellen.
- das “u”, notwendig für die Öffnung des Schlundes, für das hohe Register und für das Decken des Tons.
- die Pharynxvokale von Garcia.
- aufsteigende “Sirenen” (in denen der Anfangsvokal “a” sich zum “u” verändert), sehr praktisch für Sängerinnen, da sie dieses Konzept der Rundung der Vokale, das Garcia so lieb war, und das besonders für den weiblichen Übergang typisch ist, nutzen.
- “i” und “ü”, besonders für Tenöre, sofern die Stellung der Lippen gut verstanden wurde und respektiert wird und der Kehlkopf in “stabilisierter” Stellung ist (um die Bezeichnung von Miller hier wiederzugeben).
- der “kleine Arpeggio von Rossini” und seine Varianten, um Legatosingen und Stütze zu arbeiten, die Verbindung der Register und besonders des Passaggio.
- eine einfache Übung, die sofort den optimalen Stimmlippenschluss einfügt.
- die Tonleiterübungen von Lindquest und Bjoerling für die Geläufigkeit.
Danach kann man, je nach zur Verfügung stehender Zeit, eine oder mehrere Vokalisen von Sieber singen. Dies ermöglicht einen guten Übergang zwischen den reinen Vokalisen und der Arbeit am Repertoire. Dieser Übergang von der Technik zum Singen führt häufig zu Verwirrung für den Sänger. Die Arbeit an der Technik dient dazu, Reflexe zu entwickeln, die sich dann spontan bei der Interpretation eines Stückes einstellen. Man erreicht also nicht technische Fähigkeiten, indem man ein zu schwieriges Stück übt, sondern indem man die zuvor erworbenen Kenntnisse in die Praxis umsetzt.
Vor dem Unterricht – Aufwärmen – oder Nicht-Aufwärmen?
An einem bestimmten Moment meiner Ausbildung und bei meiner Arbeit, meine wirkliche Heldentenor-Stimme zu entdecken, erlebte ich ein Problem in meinem Aufwärmen und an der Technik. Ich kam zum Unterricht, ohne zuvor gesungen zu haben, um durch alle Etappen des Aufwärmens zu gehen, die mein Lehrer für mich “nach Mass” entwickelt hatte. Dennoch gelang es mir nicht, meine eigene vokale Identität zu finden: entweder die Stimme wurde zu “tenorisierend” und nicht genügend verankert im Körper, oder sie wurde zu “baritonal”, zu schwer und gross in der Tiefe und im Medium. Soviel ich die Übungen wiederholte, um sie zu verstehen und zu verbessern, ermüdete ich viel zu schnell und es gelang mir nicht mehr, eine optimale Stimme für die Arbeit am Repertoire zu erhalten. Wir haben zunächst die Dauer der Kurseinheit reduziert und die Arbeit am Repertoire während mehrerer Monate ausgesetzt. Nachdem wir die Reihe von Übungen modifiziert hatten, damit sie besser meinen vokalen und körperlichen Eigenheiten entsprach, haben wir uns gleichzeitig entschlossen, dass ich die Stimme selbst vor dem Unterricht aufwärme. Ich konnte eine kürzere Serie der üblichen Übungen machen, die sämtliche vokalen Aspekte abdecken (auch die Höhe) oder alle Übungen machen, mit Ausnahme der Höhe, und diesen Teil der Technik der Supervision durch meinen Lehrer überlassen.
Als Lehrer bitte ich alle Anfänger, sich vor unserem Unterricht nicht aufzuwärmen. Es ist wichtig, dass der Schüler zu Beginn seiner Ausbildung kontrolliert wird, dass er angepasste und effektive Übungen lernt, die er dann beim individuellen Üben wiederholen kann. Es ist auch sehr lehrreich für den Lehrer, die unverbildete Naturstimme seines Schülers zu hören und zu beobachten, wie sie auf die verschiedenen Übungen reagiert. Sofern ein Anfänger mit einer bereits aufgewärmten Stimme kommt (soweit er das überhaupt kann, was nur selten vorkommt), wird dem Lehrer dieser so wichtige Teil der Stimmbildung vorenthalten. Dagegen sollte ein fortgeschrittener Schüler in der Lage sein, seine Stimme soweit vorzubereiten, dass man sofort an die technische Arbeit gehen kann. Ebenso sollte er fähig sein, die Stimme aufzuwärmen und ohne den Lehrer technisch zu arbeiten, wenn er einen Dirigenten oder einen Korrepetitor für eine Probe trifft. Es handelt sich um eine persönliche Hygiene, Körper und Stimme zu wecken, sich vorzubereiten und körperlich und mental für Probe oder Unterricht bereit zu sein. Häufig nutze ich einen nicht unerheblichen Teil der Kurszeit um den Sänger aufzuwecken, ihn bereit zu machen und wenn auch diese Arbeit niemals vergeblich ist, so wünschte ich doch, dass fortgeschrittene Schüler in ihrer Einstellung verantwortlicher und professioneller wären.
Schlechte Bedingungen – aufwärmen oder nicht?
Alle professionellen Sänger finden sich früher oder später in der furchteinflössenden und schwierig zu überwindenden Situation, dass sie vokal nicht in Form sind. Wenn der Sänger wirklich krank ist, ist es sinnvoll, sich zu pflegen und die Stimme auszuruhen, um wieder gesund zu werden. Aber wenn der Sänger nur nicht in Form ist, müde, langsamer seine Möglichkeiten findet oder die Aufregung wegen eines Vorsingens oder einer Vorstellung ihn in einen ungewohnten und unangenehmen Zustand versetzt, dann muss man wissen, wie man sich mit noch mehr Umsicht und Vertrauen in das zu erreichende Resultat einsingt. Diese Momente im Leben eines professionellen Sängers sind besonders unangenehm, aber sie sind unvermeidbar und gehören dazu.
Die Vorbereitung wird länger sein, auf keinen Fall ermüdender, denn das könnte kontraproduktiv sein. Vergessen Sie die 5 Übungen in 10 Minuten, schaffen Sie optimale Bedingungen für Ihren Schlaf und ein minutiöses Wecken des Körpers, voller Geschmeidigkeit und im Vertrauen auf den Erfolg. Nehmen Sie sich Zeit für die Funktionen des Atmens, besonders für alles, was Ihnen zu einer tiefen, ruhigen, beherrschten Zwerchfell-Flankenatmung verhilft. Diese Ruhe, die sich langsam einstellt, wird eine grosse Hilfe im eigentlichen stimmlichen Aufwärmen und beim Auftritt auf der Bühne sein. Dies führt auch zu einer geschärften Konzentration. Ich bin kein Anhänger von Aufwärmen im Sinne von Lockerung des Körpers, Aufweichen der intellektuellen Fähigkeiten und der Konzentration (oder nur in Ausnahmefällen anstelle der Vorbereitung durch eine aktivere Arbeit, wenn der Sänger sehr nervös, sehr verspannt ist). Klassischer Gesang verlangt Tonus und Festigkeit. Das hat weder mit Verkrampfung noch mit Entspannung zu tun. Noch einmal erinnern wir uns an das Gleichgewicht von entgegengesetzten Kräften. Nachdem der Körper akribisch aufgeweckt und der Atem trainiert wurde, gehen Sie zu Übungen für den Stimmlippenschluss und Staccati weiter, diese fördern die Tonizität der Stimmlippen, aber nicht in forcierter Konfrontation (dies ist in jeder Beziehung zu vermeiden). Finden Sie die angenehmen Gefühle des Dehnens des Schlundes wieder, eines konzentrierten Klanges wie im Konzept des “umgedrehten Megaphons” und lassen Sie eher die Resonanzen des Klanges sich ausbreiten, als die Luft zu schieben. Benutzen Sie den Klang “ng” (wie in “sing” oder “Engel”), der Ihnen eine Stimme mit mehr Resonanzen ohne Druck verleiht. Kirsten Flagstad oder Lilli Lehmann waren Anhänger dieser Übung. Wenn diese sehr speziellen Übungen mehrfach während des Tages, kurz, aber sehr konzentriert, gemacht werden, findet ein Sänger, der nicht in Form ist, seine Möglichkeiten wieder und kann gut am Abend singen. Lilli Lehmann berichtet in ihrem Buch “Meine Gesangskunst” von der Erfahrung, durch einen zunächst in kochendes Wasser getauchten, dann ausgedrückten Schwamm, der auf das Gesicht gelegt wird, ihre Atem- und Stimmübungen zu machen.
Am Tag meines Debüt in Montreal, für einen Liederabend der direkt von Radio-Canada übertragen wurde, machte ich die unangenehme Erfahrung, komplett stimmlos nach der Reise über den Atlantik und der Begegnung mit der berüchtigten kanadischen Kälte aufzuwachen. Ich erinnere mich, dass ich frühmorgens den Fitnessbereich des Hotels in Beschlag nahm, um meine körperlichen Möglichkeiten wiederzufinden. Nach einem kurzen Anwärmen der Stimme wurde die Tonprobe für die Übertragung im Konzertsaal gemacht. Den Rest des Tages war ich in der Einsamkeit meines Zimmer beschäftigt, meine Stimme zu suchen. Am Abend sang ich ohne Probleme und wurde sofort für die nächste Saison engagiert.
Die eigene vokale Identität finden
Die Stimme aufzuwärmen ist unabdingbar bevor man an die technische Arbeit geht oder an die Arbeit am Repertoire, bevor man ein Vorsingen, eine Probe oder eine Vorstellung hat. Aber ein bewusstes vokales Aufwärmen zu praktizieren und zu bestimmen erlaubt dem Sänger auch, seine vokale Identität zu finden und seine persönlichen Qualitäten zu entwickeln, die er zeigen möchte. Die Stimme aufzuwärmen ist so, wie ein verschlossenes Zimmer zu betreten, Luft und Licht hineinzulassen und es dann ganz zu nutzen. So viele Sänger versagen sich nicht nur die technischen Kenntnisse, die ihnen nicht nur ermöglichen würden, rasch ihre gesamte Stimme zu entwickeln, sondern auch zu verstehen, was denn ihre ganz eigene vokale Identität ist, und diese Tag für Tag ihrem Publikum zu offenbaren. Nach meiner Erfahrung ist es absolut notwendig, mit der Person die man ist und der Stimme die man herstellt, in exakter Übereinstimmung zu sein. Einige wohlausgewählte Übungen erlauben Ihnen, ihre gewöhnlichen vokalen Schwächen zu vermeiden und Ihre vokale Identität zu finden.
© OperaLab – Gilles Denizot. Alle Rechte vorbehalten.
Übersetzung aus dem Französischen Ines Kluwe-Thane.





















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