Die Partnerschaft zwischen Lehrer und Sänger

Die Partnerschaft zwischen Lehrer und Sänger
Die Partnerschaft zwischen Lehrer und Sänger | Gilles Denizot

Es gibt viele Sänger, die den Prozess des Gesangsunterrichtes nicht verstehen. Sie wissen nicht, wie sie die Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Schüler verbessern können und erwarten trotzdem von ihrem Lehrer, fast alle ihre Probleme in einer Stunde zu lösen. Renata Tebaldi sagte 1991: In einer Stunde kann man keine Wunder vollbringen, und doch erwarten manche die Entwicklung einer ganzen Stimme. Niemand ist gezwungen Gesang zu studieren. Wie kann ich also als Student von meinen Gesangsstunden am besten profitieren, und wie kann ich als Gesangslehrer meinen Unterricht verbessern? Die Antwort liegt in der Verbesserung der Lehrer-Sänger-Zusammenarbeit und in einer respektvollen Herangehensweise an diese.

Die Investition von Zeit und Energie in den Prozess

Die Entwicklung und das Training einer klassischen Stimme brauchen Jahre. Für den Prozess ist die Investition von Zeit und Energie von beiden Seiten erforderlich. Der Student und der Lehrer müssen sich in Geduld üben, die Ziele zu identifizieren und auf diese hinarbeiten. Ich möchte hier noch einmal das wichtigste Wort wiederholen: Geduld.

Manche Studenten glauben ernsthaft, bereits nach ein paar Unterrichtsstunden zum Star zu werden oder aber unterrichten zu können. Andere Studenten wollen auf großartigen internationalen Bühnen singen und würden doch nie für Unterrichtsstunden reisen. Sie wollen den idealen Lehrer um die Ecke finden. Das ist ein Leben in einer Fantasiewelt.

Die besten Ergebnisse werden durch regelmäßiges Studieren und ruhige und andauernde Entschlossenheit erreicht. Als Student wirst du mit Sicherheit verschiedene Stufen des Fortschritts erfahren und sogar manchmal das Gefühl haben, dass du dich nicht verbesserst. Wenn du dir jedoch der Kompetenz deines Lehrers und deines persönlichen Einsatzes sicher bist und dir ein vernünftiges Ziel gesetzt hast, solltest du nicht zweifeln, es auch zu erreichen. Aber dies wird nicht über Nacht passieren. Wie schon Regina Resnik 1992 sagte: Ich bin sehr interessiert, was mit den jungen Sängern passiert, die in einer Atmosphäre vollkommener Gleichgültigkeit in eine Karriere gedrängt werden, ohne die Unterstützung oder den Rat der alten Maestri (…). Sie verfügen nicht mehr über die Geduld und die notwendige Disziplin; sie glauben nach nur 1-2 Jahren des Studiums bereits die Pfade des Ruhmes betreten zu können.

Ich habe es schon oft gesehen, dass Studenten lieber ihren Lehrer wechseln wollten, so bald sie bei einem Vorsingen oder Gesangswettbewerb gescheitert waren, als über die Wahl des Repertoires und die investierte Vorbereitungszeit nachzudenken. Das ist eine unreife Einstellung. Ein professioneller Sänger kann sich still die Existenz eines Problems eingestehen und dann einen Plan erarbeiten, der mit seinem Gesangslehrer oder Coach umgesetzt wird und das Problem löst. Ich bin erstaunt über die Vielzahl von Nachrichten in Internet Foren, in denen Studenten nach der Meinung von völlig Fremden fragen.

Wenn sie eine Antwort bekommen (meist ohne dass sie überhaupt für ihren Gesprächspartner gesungen haben), wählen sie die leichteste Lösung und denken, dass ihnen geholfen wurde. Dies ist verantwortungslos. Dem Studenten mangelt es an Vertrauen in den Prozess und der Lehrer widmet sich nicht in ausreichendem Maße den Problemen des Studenten. Natürlich ist, wenn solche Fragen im Internet und nicht im Stimmstudio gestellt werden, die Beziehung zwischen Lehrer und Student mangelhaft.

Ich kann mich an dieser Stelle einfach nicht zurückhalten, Antonietta Stella zu zitieren, die 1999 sagte: Natürlich kann ich einigen Sängern sagen, dass sie sich auf dem falschen Weg befinden (…). Sie werden immer einen ausreichend unehrlichen Lehrer finden, der sie akzeptiert und an eine Zukunft glauben macht.Ich weiß, dass Vertrauen Zeit braucht, aber es kann keinen soliden Fortschritt geben, wenn diese Grundlage fehlt.

Vom Pünktlichsein und der Bereitschaft zu singen

Es mag merkwürdig sein zu erwähnen, dass es eine Grundvoraussetzung ist, pünktlich zu erscheinen und bereit zu sein, zu singen oder zu lehren. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass jemand manchmal zu spät kommen kann. Ich spreche hier über Studenten, die immer zu spät kommen und nicht bereit sind zu singen. Sie kommen an, entschuldigen sich, installieren ihr Aufnahmegerät, bereiten ihre Noten und Stifte vor, trinken etwas Wasser, holen noch einmal tief Luft, weil die meisten laufen mussten, anstatt früh genug loszugehen. Wenn wir endlich mit der Vokalisation beginnen, kann es gut sein, dass bereits eine viertel Stunde vergangen ist. Schade! Lehrer müssen auch die Zeit des Studenten respektieren und sich voll konzentrieren.

Die Stundenvorbereitung

Pünktlichkeit und die Bereitschaft zu singen oder zu lehren zeigt auch, dass die Stunde vorbereitet wurde. Wenn ich unterrichte, versuche ich vorher sorgfältig über die Stunde nachgedacht zu haben. Ich bin bereit für den Studenten, wenn ich ihn oder sie begrüße. In der Tat freue ich mich darauf, die Studenten zu sehen und tiefer in den Stimmprozess einzutauchen. Ich bin davon überzeugt, dass bestimmte Studenten diese Vorgehensweise wahrnehmen und wertschätzen. Dies sind auch diejenigen, die selbst ihre Stunde vorbereiten. Dies sind die Studenten, die sich schnell und sicher zu verantwortungsvollen und unabhängigen Sängern entwickeln.

Das Definieren von Stundenplänen und Prioritäten

Stimmprozesse müssen im Voraus geplant werden. Man sollte sich nicht einem starren Programm unterwerfen, aber gleichzeitig wissen, was man erreicht hat und was noch geschafft werden muss. Durch das Vorausplanen der Studien und des Unterrichts bleiben Studenten und Lehrer gleichermaßen auf das Ziel fokussiert. Sie organisieren sich entsprechend, um das neue Ziel zu erreichen und bewegen sich vorwärts. Vor dem Unterricht oder Coaching analysiere ich stets die Situation (basierend auf dem Anhören von kürzlichen Aufnahmen) und entscheide was Verbesserung braucht. Ich grenze diese Liste auf die wichtigsten Aspekte ein und arbeite an diesen. Engagierte Lehrer bereiten ihre Stunden vor. Wenn der Student seine(n) / ihre(n) Lehrer(in) trifft, stehen der Stundenplan und die Prioritäten schon fest.

Das Gefühl von Beständigkeit

Das Definieren von Zeitplänen und Prioritäten für das Studieren und auch das Lehren lässt ein Gefühl von Beständigkeit in dem Prozess entstehen. Wenn ich Studenten erzähle, dass ich letzte Woche einen speziellen technischen Aspekt angesprochen habe und jetzt gern daran arbeiten würde, zeige ich ihnen, dass sie sich inmitten eines hoch strukturierten Prozesses befinden. Ein Student muss die Pyramide des stimmlichen Erfolgs verstehen und sich vorstellen können. Es ist wichtig, an ihr herunterzuschauen und zu erkennen, was schon alles geschafft worden ist, und auch zu sehen, was darüber noch alles entdeckt werden kann. Dies beugt einer häufigen Enttäuschungsreaktion vor: “Ich bin 21, singe schon seit 2 Jahren mit 4 unterschiedlichen Lehrern, und verstehe immer noch nicht, warum ich diese Arie nicht singen kann!” Vielleicht ist diese Arie für Sie noch nicht erreichbar, weil Sie die notwendigen Fähigkeiten noch nicht erworben haben, um sie zu singen. Sie haben ein Problem mit dieser hohen Note: haben Sie Ihr Passagio soweit trainiert, dass Ihre Stimmerzeugung gesund und zuverlässig ist? Haben Sie ein Gefühl von Beständigkeit, wenn Sie Ihren Lehrer so oft wechseln?

Das Aufnehmen von Arbeitsstunden

Ein sehr wichtiger Teil des Studierens und Lehrens von Gesang ist das Anhören der Aufnahmen der Stunden. Ich nehme oft die Stunden auf, die ich meinen Schülern gebe. Es ist von größter Bedeutung, dass Sänger sich ihre Aufnahmen anhören und eine Verbindung fühlen zwischen dem, was sie hören und dem, was sie in der Stunde empfunden haben. Das ist die einzige Möglichkeit zu WISSEN, wie man klingt, und wie man einen gesunden Ton reproduziert und einen ungesunden Ton vermeiden kann. Konzepte müssen etabliert werden und das braucht Zeit.

Das Anhören von Aufnahmen vor der nächsten Stunde

Wenn ich mit meinem Coach arbeite, nehme ich jede Stunde auf und höre sie mir an. Bei der nächsten Stunde weiß ich, was in vorherigen Stunden erreicht worden ist, und es geht sehr schnell weiter. Ohne die Aufnahmen wäre ich nicht wirklich in der Lage gewesen, meine Empfindungen mit einem korrekten und gesunden Klang in Verbindung zu bringen. Wir hören uns nicht wie andere es tun, und es gibt deshalb für den ernsthaften Sänger, ob Profi oder Amateur, keine andere Lösung, als sich die eigenen Aufnahmen anzuhören und auf dieser Grundlage weiterzuarbeiten. Als aktiver und engagierter Lehrer bin ich absolut überzeugt, dass das Aufnehmen und Anhören von Stunden auch dem Anpassen der Unterrichtsmittel dient. Ich verbringe sehr viel Zeit in Flugzeugen und Zügen, da ich in verschiedene Städte unterrichte und als Solist in verschiedensten Orten auftrete. Wenn ich von einer Stadt zur nächsten fahre, höre ich mir normalerweise einige Sänger an, die ich gerade unterrichtet habe. Ich mache mir Notizen zu ihrem Fortschritt und schreibe mir auf, was als Nächstes gemacht werden sollte und welche Repertoirevorschläge ich geben kann. Es ist also absolut kein Wunder, dass ich bei dem nächsten Treffen mit ihnen vorherige Stunden schnell zusammenfassen und kommentieren kann. So kann ich auch die am besten angepassten Übungen für sie aussuchen, auf Grundlage einer kalten Analyse der Stimme auf der Aufnahme, anstatt der Aufregung der Gesangsstunde.

Tägliches Üben

Ohne Üben kann es keinen Fortschritt geben, jedenfalls keinen signifikanten. Die ideale Situation ist tägliches Üben, in 2 Einheiten von je 30 Minuten Dauer. Auf das Jahr gesehen sollte es eine tägliche Übungsroutine von mindestens 10 Minuten geben. Ein ernsthafter Sänger wird diese minimale Zeit zum Üben und zur Arbeit an der Stimme immer finden. Man kann nicht erwarten, seine Stimme zu benutzen, wenn man sie nicht trainiert. Damit die richtigen und effizienten muskulären Reaktionen während des Singens ablaufen, muss man die Muskeln regelrecht entdecken und trainieren. Dies passiert nicht während man schläft. Wenn man nicht übt, gibt es fast keinen Grund, Gesangsstunden zu nehmen, da nichts Neues passieren wird. Lehrer können nicht für ihre Schüler üben, und werden nur wiederholen, was sie auch vorher schon gesagt haben. Falls es sich um einen engagierten Lehrer handelt, der sich dem Anbieten bester Lehre verschrieben hat, wird er oder sie versuchen, neue Herangehensweisen zu finden und neue Ideen, aber diese werden unweigerlich scheitern Resultate zu erzielen. Amüsant genug ist dabei der Fakt, dass faule Studenten oft ihren Lehrer für das Fehlen von Ergebnissen verantwortlich machen. Die Situation wird oftmals schnell relativ steril und es ist dann am besten, mit dem Singen ganz aufzuhören.

Richtige Studienmaterialien

Beim Gesangsstudium geht es auch um Informationen, die zwischen den Gesangsstunden recherchiert werden können: z.B. Partituren, Artikel und Aufnahmen. Das Internet zum Beispiel ist eine unschätzbare Quelle von Wissen. Man kann die Mimik von großartigen Sängern durch Videos studieren, Partituren ausdrucken oder Artikel lesen, sich alte Aufnahmen berühmter Sänger anhören. Dies ist sehr wichtig, da es dem Studenten Informationen verfügbar macht. Das Entdecken des eigenen Repertoires, das Studieren einer kompletten Opernpartitur und nicht nur einer Arie, das Lesen von Gedichten, wenn möglich in der Originalsprache, durch all dies bekommt man keine ausgebildete Stimme, aber es ist ein Teil des Prozesses, Sänger zu werden. Ich muss Studenten oft die Handlung einer Oper oder die Bedeutung von Gedichten erklären. Und obwohl es mir Spaß macht, zeigt es doch auch ein Fehlen von Einsatz seitens der Studenten.

Ein Meister der Philosophie schrieb einst an seinen Schüler: Nachdem man seine Freundschaft gewährt hat, ist es notwendig, Vertrauen zu haben; darüber entscheiden sollst du vorher. Man verdreht die natürliche Abfolge von Pflichten, wenn man richtet, nachdem man Freundschaft gegeben hat, anstatt seine Freundschaft zu geben, nachdem man sich eine Meinung gebildet hat. Denke lange darüber nach, ob du jemanden als Freund erwählst. Jedoch, wenn deine Entscheidung gefallen ist, liebe deinen Freund mit ganzem Herzen; sprich mit deinem Freund so offen wie mit dir selbst. Seneca hatte damit nicht Unrecht, und man kann diesen Ratschlag sehr gut auf die Partnerschaft zwischen Lehrer und Sänger anwenden.

Übersetzung (aus englischer Sprache) von Daniel Roob
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