Kennzeichen der “Stimm-Identität”

Kennzeichen der “Stimm-Identität” | Gilles Denizot
Es scheint mir, dass es für jeden Sänger unbedingt notwendig ist eine gesunde Gesangstechnik zu nutzen. Aber dazu ist es auch wichtig seine eigene Stimme zu definieren. Dann kennt der Sänger seine “optimale” Stimme, er weiß “wer er stimmlich ist”, er hat eine klare und präzise Auffassung seiner “Stimm-Identität”. Ohne diese Auffassung kann der Sänger seine wahre Stimme nicht produzieren. Wenn er diese “optimale” Stimme vorübergehend unterlässt, bringt der Sänger sich in eine schwierige Lage. Diese Situation wird noch schlimmer, weil ihm niemand helfen kann, wenn er die Grundsätze der gesunden Stimm-Technik, die ihm die Möglichkeit geben gut zu singen, in Vergessenheit geraten lässt. Der Sänger sollte dann solange wie nötig pausieren, bis er seine stimmliche Identität wiederfindet.
Wie erreicht man diese “Stimm-Identität”? Während so vieler Gesangsstunden wie nötig. Es ist undenkbar seine Stimme ohne Unterricht oder ohne fleißige Arbeitsweise auszubilden. Die Stimm-Identität kann weder in Proben, noch in Aufführungen entdeckt werden. Innerhalb der Vertrautheit einer Gesangsstunde, mit dem ausgebildete Ohr und dem geschulte Blick des Lehrers als Leiter, kann der Sänger an seiner Stimm-Identität arbeiten. Diese Entdeckungen werden in einem mehr oder weniger öffentlichen Rahmen getestet, wie z. B. bei Workshops, Kursen, Meisterkursen, Privatkonzerten, Vorsingen, Hochzeiten, Kinderveranstaltungen sowie vor Patienten, älteren Menschen oder auch Häftlingen. Es kann sich jederzeit die Möglichkeit ergeben, die erlernten Prinzipien anzuwenden und seine Erfahrung als Sänger zu testen. Die Grundregel hierbei ist, so viele erlernte technischen Prinzipien wie möglich wiederzugeben. Denn nur während des Unterrichts und der privaten Übungen ist es notwendig zu experimentieren, Fragen zu stellen, zu analysieren, Entscheidungen zu treffen. Nicht in der Öffentlichkeit.
Ich empfehle zum Beispiel eine ovale oder runde Mundhaltung. Diese Auffassung steht nicht nur im Einvernehmen mit einer gesunden Gesangstechnik, es handelt sich auch um einen technischen Ansatz den ich auch bei mehreren Auftritten angewendet habe. Ich weiß, dass diese Mundhaltung die optimale Stimmemission eines Opernsängers begünstigt. Wenn einer meiner Studenten vergisst oder sich frei entscheidet diese gesangliche Haltung zu übernehmen (oder irgendeine andere Empfehlung), dann fordert er sein Glück heraus. Und ich kann nichts für ihn tun, denn er muss lernen selbstständig zu sein. Wenn man bedenkt, dass jeder Auftritt oder jede Probe unterschiedliche Voraussetzungen mit sich bringt, und dass unsere körperliche Verfassung veränderlich ist, ist das einzige konstante Element in diesem Fall unsere Technik. Dies ist die einzig verlässliche Hilfe. Wenn man das vergisst, dann muss man die Folgen zwangsläufig selber tragen.
Als letzen Gedanken, möchte ich gerne etwas mit Ihnen teilen. Zu Beginn meiner Karriere wurde ich immer als sehr talentierter und vielversprechender junger Sänger definiert, mit der Gabe starke Emotionen darstellen zu können. Und das ist vermutlich einer der Gründe für meinen schnellen Karrierestart auf einem so hohen Niveau. Aber ich war ein “Sänger ohne Technik”. Einige Leute glaubten (fälschlicherweise), dass meine “Gesangsleistungen” von dem Wissen und der Beherrschung meines Instruments erzeugt wurden. Leider nicht. Meine Unbekümmertheit und mein Mut waren die einzigen Mittel internationalen Verträgen und Opernrollen die Stirn zu bieten. Ich wusste nie ob der Ton korrekt erzeugt wurde. Und langsam wurden die Töne immer unsicherer. Da musste ich pausieren und beginnen zu studieren. Dann begann ich meine Stimme kennenzulernen und meine “Stimm‑Identität” zu definieren.
Es braucht Zeit, aber am wichtigsten ist es zu erkennen wenn man “stimmlich verloren” ist, wenn man vergessen hat was während Gesangsstunden bestimmt wurde, und wenn man seine “Stimm-Identität” wiederfinden muss. Ich arbeite selber daran, so wie jeder andere Sänger auch.
© OperaLab – Gilles Denizot. Alle Rechte vorbehalten.




















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