Singen lernen per Internet

Singen lernen per Internet | Gilles Denizot
Internet bietet eine Fülle an Quellen und Möglichkeiten – Artikel, Noten, Klangbeispiele und Videos. Jeder kann sich von diesem phantastischen Angebot überzeugen. Aber wie immer, bietet das Netz das Beste ebenso wie das Schlechteste. Die Besonderheit am Gesangsunterricht (und die Schönheit dieser Kunst) ist die Notwendigkeit eines wirklichen Kontaktes zwischen Lehrer und Schüler. Die grundlegenden Kenntnisse wie Atem und Passaggio können nur im Unterricht vermittelt werden. Es ist unmöglich, auf Distanz ein stimmliches Problem zu erkennen und zu beheben. Anhand eines Klangbeispieles oder der Beschreibung des Sängers kann man eine gewisse Intuition haben, aber nicht mehr. Studenten, die im Netz nach Wunderheilmitteln suchen, nehmen damit ein erhebliches Risiko auf sich.
Wie findet man einen Lehrer?
Die wichtigste Aufgabe für den Gesangsschüler ist es, einen kompetenten Lehrer zu finden. Es ist unsinnig, Ratschläge auszuprobieren, die man per Internet bekommen hat, statt zunächst einem Lehrer vorzusingen. Man braucht mindestens eine Probestunde (vorzugsweise 3) um einen präzisen Eindruck von seinem technischen Wissen, seinen menschlichen Qualitäten, seiner Art sich auszudrücken und zu unterrichten zu gewinnen. Leider sind nicht alle Nutzer des Internets in der Lage, sachbezogene und besonnene Ratschläge zur Stimmtechnik zu geben (was sie aber nicht daran hindert, ebendies zu tun). Die meisten haben keinerlei professionelle Erfahrung in der Materie. Die Empfehlungen werden also im besten Fall unwirksam, im schlimmsten Fall schädlich sein.
Arbeiten in Partnerschaft mit seinem Lehrer
Manche Gesangsschüler suchen Antworten per Internet, um so die Kosten für den Unterricht zu vermeiden. Andere stellen das, was ihr Lehrer unterrichtet, in Frage, indem sie um Bestätigung von vollkommen Unbekannten in Internet-Foren suchen.
Ich habe bereits von der Partnerschaft gesprochen, die zwischen Schüler und Meister bestehen sollte. Es handelt sich ganz einfach um das Vertrauen in die Fähigkeiten des Unterrichtenden und die Überzeugung in die Richtigkeit des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Ohne diese Partnerschaft kann es keine wirklichen Fortschritte geben. Wenn man seinen Lehrer gewählt hat, muss man ihm vertrauen und sich anleiten lassen. Vorher gilt es, sich Fragen zu stellen und die richtige Wahl zu treffen. Schüler stellen oft entscheidende Fragen in Diskussionsforen im Internet. Antworten denn ihre Lehrer nicht auf diese Fragen – oder nur in unklarer Form, sodass diese Schüler gezwungen sind, sich an andere Personen zu wenden? Oder möchten diese Schüler von anderswo bequemere Antworten bekommen? Es ist mir immer sehr unangenehm, hinter dem Rücken des offiziellen Lehrers Stellung zu beziehen. Rat über das Internet zu suchen oder gar heimlich mit einem anderen Lehrer zu arbeiten zeigt die Verzweiflung dieser Gesangsschüler. Sie haben das Recht auf einen hervorragenden Unterricht, der alle Ihre Fragen beantwortet. Sie haben das Recht auf einen guten Kontakt zu Ihrem Lehrer. Wenn es scheint, dass Sie nicht die Anleitung erhalten, die Sie zu Recht erwarten, dann ist es besser, den Lehrer zu wechseln als Rezepte von Unbekannten zu sammeln.
Die wichtigsten Themen, die im Internet diskutiert werden
Einteilung nach Stimmfächern, Vibrato, Aktivität des Kehlkopfes und Atem und Stütze gehören zu den Haupt-Themen in Internet-Foren. Hier muss man ganz klar sagen: Man kann die Aktivität des Kehlkopfes, Atem und Stütze nicht per Internet unterrichten.
- Einteilung nach Stimmkategorien
Es ist unmöglich, die Stimmlage eines Sängers zu beurteilen, ohne ihn anzuhören. Und dennoch ist dies eine der häufigsten Anfragen. Man muss die Stimme in der tatsächlichen Situation hören – nicht eine Aufnahme – und man muss beobachten können, wie der Sänger den Ton erzeugt. Wie sollte ich einem Gesangsschüler empfehlen, seine Stimme als Tenor auszubilden, nur weil er mir sein Timbre als hell beschreibt und leicht bis zum hohen G kommt. Vielleicht öffnet sich sein Mund horizontal, während er chromatisch steigt. Ein junger Mann ließ mir eines Tages ein Soundbeispiel zukommen und bestätigte mir, das Passaggio komplett zu beherrschen. Leider war eher das Gegenteil der Fall, was er für eine hohe Stimme hielt, war eher eine gepresste Stimme, mehr und mehr offen, die schließlich jegliche Resonanz und Timbre verlor. Nachdem ich ihm meine Zweifel bzgl. seiner Situation mitgeteilt hatte, sandte er mir ein zweites Beispiel der gleichen Qualität. Er erfragte bei einem zweiten Lehrer eine zweite Meinung – diese entsprach der meinen.
Im Internet erklären Sänger wiederholt, dass eine gewisse Arie ihnen zu schwierig sei und dass dies natürlich bedeutet, dass man zu einem anderen Stimmfach gehört. Es mag ja sein, dass das Repertoire oder das Fach nicht richtig sind, doch genauso kann es sich um ein nicht gelöstes technisches Problem handeln. Das Nicht-Verstehen der Abläufe beim Passaggio ist in diesem Fall bedeutsam.
Fallbeispiel: Tenor lirico spinto, singt Bariton
Vor einigen Jahren stellte sich ein junger Sänger (berechtigter Weise) Fragen bezüglich seines Repertoires. Dieser 30jährige junge Mann sollte in einem Konzert mit Orchester in Paris Auszüge aus Opern singen. Sein Programm beinhaltete Morales (Carmen), Figaro (Die Hochzeit des Figaro) und Publius (La Clemenza di Tito). Dieses Repertoire ist für hohen Bariton, Bass-Bariton und Bass bestimmt, keinesfalls für den gleichen Stimmtyp. Dieser junge Sänger beschrieb sich selbst als „leichten Bariton“ oder „starken Tenor“, der sukzessive seine Stimmlage erweitert. Sein Lehrer nahm ebenfalls an, dass er Tenor sei, doch da er nicht wusste, wie er auszubilden sei, leitete er ihn als Bariton an, um zu warten, bis die Stimme bereit sei. Diese Einstellung ist unverantwortlich und gefährlich. Man muss den Schüler von Anfang an im richtigen Fach ausbilden. Wertvolle Jahre verstreichen zu lassen, ohne die Muskeln die Reflexe zu trainieren, verlangsamt nur die Entwicklung des Sängers. In gewissen Fällen kann dies sogar daran hindern, das Singen zum Beruf zu machen.
Ich präzisiere, dass ich nur von der stimmlichen Kategorie (Sopran, Mezzosopran, Alt, Countertenor, Tenor, Bariton und Bass) spreche, nicht von den Stimmfächern (z.B. dramatischer Sopran, Heldentenor oder Verdi-Bariton). Wenn Sie eine Tenorstimme haben, so müssen Sie von Ihrem Lehrer als Tenor ausgebildet werden, nicht als Bariton unter dem Vorwand, dass die Höhe später kommt (siehe hierzu auch „Der Gesangsanfänger“). Sie sollten also auch kein Repertoire des Baritons studieren, sondern die für den Tenor geeigneten Arien studieren.
Nachdem ich mehrere Nachrichten dieses jungen Mannes sowie die verschiedenen Meinungen der Mitglieder des Forums zur Kenntnis genommen hatte, habe ich ausnahmsweise einen technischen Vorschlag gemacht. Ich schlug nur einen abgeschlossenen Satz vor, der, wie ich mich vergewissert hatte, keinen Schaden anrichten konnte, zumal es keine Gebrauchsanleitung gab. Ein kurzer, privater Schriftwechsel führte rasch zu einer Beratung. In der Tat kann man nur kurze Zeit theoretisch diskutieren, dann muss man zur Praxis übergehen. Da ich davon ausging, mit einem Bariton zu arbeiten, wählte ich Übungen für mittlere Stimme und im mittleren Umfang. Im Medium und der Tiefe gab es absolut keine Resonanz. Somit wurde die Kategorie Bass sofort ausgeschlossen. Je weiter wir im Umfang in die Höhe gingen, veränderte sich die Stimme ganz natürlich im Passagiobereich des Tenors. Es war eindeutig, dass die Einordnung als Bariton von einer falschen Dumpffärbung durch a) einen durch den Grund der Zunge tiefgestellten Kehlkopf und den verstopften Rachen und b) durch die Unmöglichkeit, den Kehlkopf zu bewegen um so zum hohen Register des Tenors zu erreichen. Nach einigen Minuten mit passenden Vokalisen, kam ein wunderbarer Tenorklang aus der Kehle dieses jungen Mannes. Ich teilte ihm sehr vorsichtig meine Einschätzung zu seiner Stimme mit. Daraufhin eröffnete er mir, dass er seit langer Zeit glaubte, Tenor zu sein. Seine Erleichterung war offensichtlich, so als könnte er endlich er selbst sein. Was fälschlicherweise für einen Bariton gehalten worden war (und während 8 Jahren entsprechend ausgebildet wurde), war in Wirklichkeit ein echter Tenor lirico-spinto. Dieser Einschätzungsfehler hatte vor unserer Begegnung zu Knötchen und einer Operation geführt. Wir mussten ein Jahr lang arbeiten, um seine wahre Stimme dank der Veränderung der Kategorie und der entsprechenden Ausbildung zu finden.
- Vibrato
Ich erinnere mich an die Nachricht eines Jugendlichen, der wissen wollte, wo er ein Vibrato für seine Stimme kaufen könne! Es ist verblüffend all die Rezepte zu lesen, die es im Internet zu diesem Thema gibt. Das ist genauso, wie zu sagen, das kommt dann mit der Zeit von allein. Das Nichtvorhandensein von Vibrato verursacht immer eine legitime Verunsicherung beim Gesangsschüler (besonders bei Amateuren, und da ganz besonders bei Sängerinnen). Jedes „Vibrato-Problem“ weist zweifellos auf eine stimmliche Dysfunktion hin und muss sofort als Alarmzeichen betrachtet werden. Wenn der Atemdruck nicht durch die Stützmuskeln reguliert wird, können die Stimmlippen nicht frei schwingen. Wenn die Zunge sich zusammenzieht und den Kehlkopf senkt, können die Stimmlippen nicht richtig funktionieren. Sobald es dem Sänger gelingt, seine Atemführung ins Gleichgewicht zu bringen, stellt sich das Vibrato natürlich ein. Aber all dies braucht Zeit und muss geübt werden. Ohne genaue Anleitung passiert gar nichts. Ich hatte die Gelegenheit, mit 2 Sängerinnen zu arbeiten, die beklagten, kein Vibrato zu haben. Von unserer ersten Stunde an haben ihre Stimmlippen vibriert. Das hat sie sicher ermutigt, aber erst nach mehreren Monaten Arbeit an Atem und Stütze konnten sie immer mit Vibrato singen. Die goldene Regel: je mehr Luft man über den Kehlkopf schiebt, desto weniger klingt die Stimme, ist sehr schwierig umzusetzen.
Das Fehlen von Überwachung
Das größte Problem unser Thema betreffend ist das Fehlen von Überwachung. Die Suche nach Informationen zur Gesangstechnik im Internet führt zu keinem tatsächlichen Kontakt mit dem Ausbilder. Der Schüler hat also keinerlei Erklärung und keinerlei Kontrolle. Außerdem ist die Anweisung nicht der tatsächlichen Situation des Sängers angepasst. Jeder Schüler ist ein besonderer Fall, der eine auf ihn zugeschnittene Pädagogik erfordert. Ohne diesen unterscheidenden Unterricht können die einzigartigen Eigenschaften eines Sängers weder zu Tage gebracht noch ausgebildet werden. Ohne Aufsicht setzt sich der Schüler absichtlich vokalen Schädigungen aus. Selbst wenn es scheint, dass Sie einen Artikel über den Gesang verstehen, so beherrschen Sie das Konzept doch erst dann, wenn Sie eine richtige Erklärung des Lehrers bekommen haben. Das bedeutet, ihn gesehen und gehört zu haben, wie er ebendieses Prinzip anwendet (häufig, indem man die Muskeln des Lehrers berührt). Die Kontrolle durch den Lehrer ist entscheidend.
Schlussfolgerung
Diese Beispiele zeigen, dass man Gesang nicht in einem Buch, auf einer CD oder per Internet lernen kann. Das Netz stellt uns zusätzliche Informationen zur Verfügung, die unser Verständnis des Gesanges bereichern. Aber in keinster Weise ersetzt das die althergebrachte Form des Unterrichtens. Der menschliche Kontakt, der sich zwischen dem Lehrer und seinem Schüler einstellt, war, ist und bleibt die einzige Art, dieses altüberlieferte Wissen weiterzugeben, wie auch immer sich die Technologien entwickeln mögen.
© OperaLab – Gilles Denizot. Alle Rechte vorbehalten.
Übersetzung aus dem Französischen Ines Kluwe-Thanel, mit einem Dankeschön an Petra Raspel und George Winterhuder für Anmerkungen und Korrekturen.

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christian von Malchu



















